Diskografie

HELL

Veröffentlichung
23.10.2020
Format
Album

2020. Man braucht Liebe – und einen Hut.

Da sind sie wieder. Es ist tatsächlich schon schlappe achteinhalb Jahre her seit dem letzten Album. Aber warum auch hetzen, „die Erde wird sich trotzdem weiterdrehen“. Und mal ehrlich: Ist heute eigentlich irgendwas anders, seit junge Bands in Westberlin noch Soilent Grün hießen und auf dem Cover ihrer Single ein Foto des schlafenden „Papi“ von Jörg Buttgereit hatten? Na bitte.

die ärzte.

Das kann man einfach mal so wirken lassen, denn auch HELL ist wieder ein typisches die ärzte-Album. Eines, das man so ganz sicher nicht erwartet hat. Mit diesem die ärzte-Sound, den man gar nicht holistisch beschreiben kann, weil es ihn nicht gibt. Und den trotzdem jeder sofort erkennt. Diesem die ärzte-Touch, den einfach niemand anders hinbekommt. Und der mit Dutzenden Songs, Textzeilen, Bildern (und mit zweiundfünfzig Zähnen und Vampirflügeln) tief im kulturellen Bewusstsein des Landes verankert ist. Aber wie diese die ärzte sein sollen, davon hat jeder eine eigene Vorstellung. Nur, dass BelaFarinRod sich um Erwartungen bekanntermaßen wenig scheren – außer natürlich, um sie komplett über den Haufen zu werfen … oder eben auch nicht.

Sie tun schon immer, was sie wollen, und sie dürfen alles. (Sogar streamen, haha!) Es gibt nur einen Gott – und dem ist praktisch nichts heilig. Wer partout die ärzte hören möchte, sollte halt wissen, was „Attitüde“ heißt. Ein freundlich ätzendes MORGENS PAUKEN passt da genauso wie den harmlos klingenden Satz EINMAL EIN BIER in ein Fass Surrealismus fallen zu lassen. Sicher ist nur, dass echte die ärzte-Fans daran erkannt werden können, welchen keinesfalls jugendfreien Reim sie selbstverständlich auf „Gitarristen“ erwarten. Und ohne „Analverkehr“ kommt auch HELL nicht aus. Beziehungsweise – WOODBURGER ist da sicherheitshalber gänzlich unverschlüsselt – nicht ohne das Sich-lustig-machen über die Angst davor.

So sind sie halt, hochartifiziell albern und trotzdem – oder gerade deswegen – immer absolut ernst zu nehmen. „Niemand wird als Faschist geboren“ heißt es jetzt in LIEBE GEGEN RECHTS. Das klingt ein wenig altklug – bis man den Song dazu gehört hat, für den allein man schon auf eines der Arena-Konzerte gehen möchte, nur um zu sehen, wie die ärzte zehntausend Menschen mit Liebe überfluten. Und mit guter Laune.

HELL jedenfalls ist ein Album, das einem in jedem Moment mühelos die Mundwinkel hochzuziehen vermag. Was den Break, das Innehalten, den Widerhaken noch wirkungsvoller macht. Mit einem einzigen Wort – „Aleppo“ – oder als beklemmender Story-Twist wie bei ICH, AM STRAND. Und was die ärzte definitiv immer noch besser können als die meisten anderen Bands des Landes: mehr oder weniger offensichtliche Lieblings-Hits, die sich im Ohr festbeißen, die Füße zucken und einen beim Vor-sich-hin-Pfeifen erwischen lassen. TRUE ROMANCE ist unzweifelhaft so ein Kandidat, das lässige ACHTUNG: BIELEFELD oder das breitwandsoundige POLYESTER. Und sowieso die sehr lustige Oi!-Hommage ALLE AUF BRILLE.

„Lärmgeräte einschalten!“ ist also das erklärte Motto der Stunde. Und wer sich das wirklich nur digital oder gar mobil und mit schnöder Nutzungserlaubnis gönnen will, vade retro satana, aber: Bitte, es ist halt 2020. Wer dagegen einen CD-Player, oder besser noch: einen Plattenspieler in seiner Stereoanlage ehrt, wird von die ärzte auch haptisch verwöhnt: Die „physischen Tonträger“ kommen im superschnieken Hardcoverbuch mit 64-Seiten-Booklet. Zusätzliche Übergänge wie -hänge und kleine Hörspieleinlagen belohnen den Besitzer, der nicht nur Leiher sein möchte. Die Schallplatte protzt gar in Halbleinen, als Doppel-12-Inch, mit – hier darf nochmal kurz der Shrug-Smiley eingesetzt werden – hauseigenem Downloadcode und auf … öhem … 181 Gramm schwerem Vinyl (erstmalig in der Tonträgergeschichte). Soviel Spaß muss sein. Alles ist … Die Beste Band der Welt.